Suizid während der Psychotherapie
Ihre Masterarbeit führte sie Mitte Juni ans Rednerpult des 5. Deutschen Psychotherapie Kongresses (DPK) in Berlin. Im Rahmen eines Praxis-Symposiums sprach MSH-Absolventin Janina Lehmann über das Thema, das ihr und ihren Forschungspartner:innen so wichtig ist: die Auswirkungen von einem Patient:innensuizid auf behandelnde Psychotherapeut:innen.
Suizid ist ein Thema, über das kaum jemand gerne spricht. Bei Angehörigen, Freunden und Arbeitskolleg:innen löst ein selbst herbeigeführter Tod Entsetzen, Trauer und teils auch Schuldgefühle aus. Tritt ein Suizid im Verlauf einer psychotherapeutischen Behandlung auf, hat dies auch für die Therapeut:innen starke emotionale und professionelle Auswirkungen – zumal mit einem solchen Ereignis häufig die Frage der Vermeidbarkeit einhergeht.
Kaum Forschung im deutschsprachigen Raum
Janina Lehmann (Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie M.Sc.) und Annabelle Siebert (Psychologie B.Sc.) führten im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten an der MSH eine Online-Studie mit 117 Psychotherapeut:innen durch, die mindestens einen Patient:innensuizid während ihrer Ausbildung bzw. ihrer Berufstätigkeit erlebt hatten. „Im deutschsprachigen Raum wird dazu noch kaum geforscht“, beschreibt Janina Lehmann den Status quo. In England und den USA gebe es einige ältere Studien. „Alles in allem kann das Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit vertragen.“
Gemeinsame Veröffentlichung
Nach erfolgreicher Beendigung der beiden Abschlussarbeiten unterstützten die betreuenden Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. habil. Thomas Schnell und Dr. Rüdiger Nübling eine anschließende Fachpublikation: Gemeinsam führten sie die Forschungsergebnisse beider Thesen zusammen, ergänzten und veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift PPmP Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie. Eine Rezension des Artikels folgte in der Zeitschrift Psychotherapie im Dialog. Auch beim Kongress im Juni stieß das Thema auf großes Interesse.
Zentrale Ergebnisse
Der Studie zufolge hatten zwei Faktoren einen signifikanten Einfluss auf das Belastungserleben: das weibliche Geschlecht und eine geringere Berufserfahrung. Supervision nach einem Patient:innensuizid wurde von den Befragten häufig als hilfreich eingestuft, war aber offenbar nicht immer kurzfristig verfügbar. Dr. Rüdiger Nübling: „Für 85 Prozent der Behandelnden war der Suizid rückblickend überhaupt nicht oder nur in gewissem Umfang vorhersehbar. Dies hat u.a. zur Folge, dass Behandelnde eine erhöhte Sensitivität für Suizidrisiken entwickeln und häufiger Patientinnen und Patienten als Risikopatient:innen einstufen“, so Nübling, der viele Jahre als wissenschaftlicher Referent für die psychotherapeutische Versorgung bei der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg tätig war.
Fazit der Forschenden
Zwar kann die Studie nicht als repräsentativ gewertet werden – die beteiligten Forschenden ziehen dennoch ein klares Fazit. Dr. Rüdiger Nübling: „Eine wichtige Implikation für die Praxis liegt darin, dass angehende Psychotherapeut:innen bereits im Rahmen ihrer postgradualen Ausbildung stärker auf mögliche Patient:innensuizide vorbereitet werden sollten. Des Weiteren sollte die Datenlage bzw. der Forschungsstand zu diesem Thema insbesondere im deutschsprachigen Raum ausgebaut werden. Und: In allen psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen sollten klar strukturierte Nachsorgeangebote verfügbar sein, verbunden mit der Möglichkeit, mit einer Fachkraft über das Erlebte sprechen zu können. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass Behandelnde im Verlauf ihres Berufslebens den Suizid eines Patienten oder einer Patientin erleben. Dann muss klar sein, was als nächstes passiert und wo passende Supervisor:innen zu finden sind.“
Der Deutsche Psychotherapie Kongress (DPK) ist der größte deutschsprachige Kongress für Klinische Psychologie und Psychotherapie und bringt seit 2022 Wissenschaft und Praxis zusammen. Im Juni 2026 hielten internationale Expert:innen, u.a. von der University of Cambridge, der University of Amsterdam, der Northwestern University (USA) und der Berliner Charité, dort Keynotes und tauschen sich mit der wissenschaftlichen Community aus.