Wie entstehen depressive Störungen? Nach dem sogenannten Vulnerabilitäts-Stress-Modell spielen sowohl genetische Veranlagungen als auch belastende Umweltfaktoren eine Rolle. Polygene Risiko-Scores (PRS) fassen zahlreiche genetische Varianten zu einem Gesamtwert zusammen und ermöglichen so eine Schätzung des individuellen genetischen Depressionsrisikos. In Kombination mit Umweltfaktoren lässt sich so ermitteln, ob sich die individuelle genetische Veranlagung und die Umwelt gegenseitig beeinflussen (Interaktion) und somit die Wahrscheinlichkeit für Depressionen erhöhen.
Ein Forschungsteam um Sabrina Illius, M. Sc. und Prof. Dr. Susanne Vogel (beide ICAN) hat gemeinsam mit Kolleg:innen den aktuellen Stand der Forschung zu diesem Thema systematisch ausgewertet. Der Open-Access-Artikel ist nun im Fachjournal »Translational Psychiatry« erschienen. In das präregistrierte Review flossen 56 Studien ein. Die Ergebnisse zeigen: Sowohl genetische Risiko-Scores als auch belastende Umweltfaktoren – etwa traumatische Erlebnisse, schwere Erkrankungen, Verluste oder belastende Kindheitserfahrungen – stehen jeweils für sich mit einem erhöhten Depressionsrisiko in Zusammenhang. Klare Hinweise darauf, dass sich genetisches Risiko und Umweltfaktoren gegenseitig verstärken, fanden sich jedoch nur vereinzelt und vor allem in sehr großen Studien mit über 40.000 Teilnehmenden. Insgesamt scheinen solche Wechselwirkungen, wenn vorhanden, nur einen geringen zusätzlichen Beitrag zur Erklärung des Depressionsrisikos zu leisten.
Zudem zeigten viele Studien sogenannte Gen-Umwelt-Korrelationen: Menschen mit höherem genetischem Risiko berichteten häufiger über bestimmte belastende Lebensumstände. Das deutet darauf hin, dass genetische Faktoren nicht nur das Depressionsrisiko selbst, sondern möglicherweise auch die Wahrscheinlichkeit bestimmter Umwelterfahrungen beeinflussen.
Das Review bietet einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschung zu Gen-Umwelt-Zusammenhängen bei Depressionen, benennt methodische Herausforderungen und diskutiert die mögliche klinische Bedeutung genetischer Risikomodelle. Der Artikel ist frei zugänglich und richtet sich an Forschende sowie klinisch tätige Fachpersonen.