Aggression gilt in der sexualwissenschaftlichen Fachliteratur seit Langem als ambivalentes Konzept. Während sie häufig als positiver Faktor – insbesondere im Zusammenhang mit männlicher Sexualität – beschrieben wird, wird ihre Unterdrückung zugleich mit sexuellen Störungen wie Lustlosigkeit in Verbindung gebracht. Diese Sichtweise steht jedoch im Widerspruch zur gängigen Definition von Aggression als gewalttätigem Verhalten, das auf die Schädigung anderer abzielt.
Eine aktuelle Studie, an der neben Prof. Dr. Anett Müller-Alcazar (ICAN) auch die ehemalige MSH-Studierende Thea Busch beteiligt war, setzt genau an diesem Spannungsfeld an und liefert neue differenzierte Erkenntnisse. Um den scheinbaren Widerspruch aufzulösen, schlagen die Autor:innen eine klare Unterscheidung zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression vor und analysierten mithilfe standardisierter Fragebögen die Zusammenhänge zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression einerseits sowie der Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität und der aktuellen Partnerschaft andererseits.
Aus den Ergebnissen ziehen die Forschenden eine eindeutige Schlussfolgerung: Konstruktive und destruktive Aggression sind zwei grundlegend unterschiedliche Verhaltenssysteme. Während destruktive Aggression keinen positiven Beitrag zu erfüllter Sexualität oder stabilen Partnerschaften leistet, könnte konstruktive Aggression eine zentrale Voraussetzung für beides sein. Ihre Unterdrückung wiederum könnte das Risiko für sexuelle Störungen erhöhen.
Die Studie liefert damit wichtige Impulse für die sexualwissenschaftliche Forschung und für die therapeutische Praxis.