Multitasking gilt im Alltag oft als unverzichtbare Fähigkeit – doch eine aktuelle Studie zeigt, dass die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns dabei klar begrenzt ist. Forschende der MSH, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der FernUniversität in Hagen konnten nachweisen, dass selbst intensives Training keine echte parallele Verarbeitung von Aufgaben ermöglicht. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Quarterly Journal of Experimental Psychology veröffentlicht.
In insgesamt drei Experimenten untersuchte das Forschungsteam, darunter auch Prof. Dr. Tilo Strobach (ICAN), wie gut Menschen zwei unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig bewältigen können. Die Teilnehmenden sollten dabei visuelle und auditive Reize parallel verarbeiten: Einerseits mussten sie die Größe eines kurz eingeblendeten Kreises per Handbewegung einschätzen, andererseits die Tonhöhe eines gleichzeitig abgespielten Signals benennen. Über einen Zeitraum von bis zu zwölf Tagen wurden Geschwindigkeit und Fehlerquote systematisch erfasst. Zwar zeigte sich, dass Übung die Leistung verbessert: Mit zunehmender Wiederholung konnten die Probandinnen und Probanden beide Aufgaben schneller und fehlerfreier bearbeiten. Dennoch widersprechen die Ergebnisse der weit verbreiteten Annahme, dass sich sogenannte „Doppelaufgaben-Kosten“ durch Training nahezu vollständig eliminieren lassen. Vielmehr deuten die Daten darauf hin, dass die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse weiterhin nicht gleichzeitig, sondern in schneller Abfolge ablaufen.
Die Ergebnisse sind nicht nur für die Grundlagenforschung relevant, sondern auch für sicherheitskritische Bereiche im Alltag und Beruf. Sie liefern wichtige Hinweise darauf, warum Multitasking etwa im Straßenverkehr riskant sein kann und welche Herausforderungen in Berufen mit hoher kognitiver Belastung bestehen. Gleichzeitig eröffnen sie neue Perspektiven für die Gestaltung von Arbeitsprozessen, Lernumgebungen und Sicherheitsmaßnahmen.