Datum: 29.11.2022

Inter-Wind - Interdisziplinäre Analyse und Minderungsansätze

– Anwohnererleben akustischer und seismischer WEA-Emissionen

Trotz eingehaltener Immissionsschutzrichtwerte kann es zu Belästigungen von Anwohner/innen durch Windenergieanlagen (WEA)-Emissionen kommen. Um diese vergleichend beurteilen und übertragbare Minderungsansätze ableiten zu können, fehlen bisher ein standardisiertes Vorgehen bei der Belästigungsanalyse und objektiven Messungen über längere Zeiträume.

Unsere interdisziplinäre Forschungsfrage ist, wie Meteorologie und geologischer Untergrund bei der Schall- und Bodenbewegungsausbreitung zusammenspielen, wie WEA-Geräusche von den Menschen wahrgenommen und beurteilt werden, welche Faktoren die Wahrnehmung beeinflussen und welche Maßnahmen bei bestimmten Wetterlagen als entlastend empfunden werden. Aufbauend auf den Erfahrungen unseres Vorgängerprojektes TremAc führen wir eine interdisziplinäre Problemanalyse durch Befragungen und Messungen meteorologischer, akustischer sowie seismischer Größen durch. Aus den Daten werden Empfehlungen für Minderungsansätze abgeleitet, die evaluiert werden.

Übergeordnete Ziele des Projekts Inter-Wind sind es, übertragbare Analyseansätze und Empfehlungen abzuleiten, welche für Problemanalysen, Minderungsmaßnahmen sowie Schall- und Bodenbewegungsausbreitungsprognosen von Windparks in Regionen mit felsigem Untergrund richtungsweisend sein sollen. Wir arbeiten mit der Gemeinde und der Bürgerinitiative Windkraftanlagen Kuchen sowie den Betreibern der Windparks Tegelberg und Lauterstein zusammen.

Am WEA-Testfeld WINSENT sollen Windgeschwindigkeit, atmosphärische Schichtung, Bewölkung und Niederschlag und die jeweilige Ausbreitung von Schallwellen in der Luft (Akustik) und elastischen Wellen im Boden (Seismologie) gemessen werden. Vor und nach der Errichtung der zwei für das Testfeld geplanten Forschungs-WEA finden Befragungen der Anwohner/innen statt. Um übertragbare Ansätze zu finden, gehen die Messungen über das Testfeld hinaus: In den nahe gelegenen Windparks Tegelberg und Lauterstein werden parallele Messungen sowie Befragungen von Anwohner/innen durchgeführt.

Das Projekt wird durchgeführt von: Umwelt- und Sozialpsychologie der MSH Medical School Hamburg und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Geophysikalisches Institut am Karlsruher Institut für Technologie (KIT-GPI), Stuttgarter Lehrstuhl für Windenergie am Institut für Flugzeugbau (SWE), Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW)

Hier finden Sie eine Lesezeichen-Anleitung für die Geräuschmelder-App

Aktuelle Entwicklungen aus dem Inter-Wind Projekt

07.03.2022 – Veröffentlichung über Messkampagne erschienen

Unter dem Titel „Joint analysis of resident complaints, meteorological, acoustic, and ground motion data to establish a robust annoyance evaluation of wind turbine emissions” ist ein Artikel zur Messkampagne am Windpark Tegelberg in der Fachzeitschrift “Renewable Energy” erschienen.

Die Veröffentlichung ist hier frei zugänglich»

10.11.2021 – Online-Bürgerversammlung zu ersten Ergebnissen zum WP Lauterstein

Für die Anwohnenden des Windparks Lauterstein wurde eine Bürgerversammlung online abgehalten, in der das Projektteam erste Ergebnisse aus der Befragung und den Messungen vor Ort vorstellten.

Da bereits im Jahr 2018 eine Befragung der Anwohnenden des Windparks durchgeführt wurde, war es möglich, die Veränderung der Akzeptanzmerkmale im Zeitverlauf zu betrachten. Dabei wird deutlich, dass die Einstellung gegenüber dem Windpark in der Befragung 2020 positiver ausfiel als 2018. Die Emissionen der Windenergieanlagen (Geräusche, Schattenwurf, Hinderniskennzeichnung) wurden 2020 von weniger Personen wahrgenommen als 2018, das Ausmaß der Lästigkeit der Geräusche wird aber nicht als signifikant geringer bewertet. Der Anteil stark Belästigter durch den Windpark war 2020 geringer als 2018. Die größte Quelle von Belästigung besteht im Verkehrslärm, der 2020 zu 25% stark belästigten Anwohnenden führte.

Bei einem Haushalt in Degenfeld und im Umfeld der WEA wurden die Schall-Immissionen und Bodenbewegungswellen gemessen. Hinweise auf hörbaren WEA-Schall konnten gefunden werden, nicht aber auf Belastungen durch nicht-hörbaren Schall (Infraschall). Im Detail:

A) Die Amplituden der Bodenbewegungen, die sich von den WEA ausbreiten, liegen deutlich unterhalb der Spürbarkeitsschwelle. Die Messgeräte waren im Messzeitraum in der Lage, Bodenbewegungswellen aufgrund eines leichten Erdbebens in Österreich zu messen. Die Bewegungen durch dieses Erdbeben waren vor Ort ebenfalls unterhalb der Wahrnehmungsschwelle für den Menschen, nichtsdestotrotz aber über 10-mal stärker als die Bodenbewegungswellen, die sich auf die WEA zurückführen lassen.

B) Auch der außerhalb und im Haus gemessene niederfrequente Schall (einschließlich tieffrequenten Infraschall) liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle (gemäß Entwurf DIN 45680-2013). Vergleichbar ist die Stärke des durch WEA verursachten nieder- und tieffrequenten Schalls im Innenraum mit den Schallpegeln, die durch Alltagsgeräte, wie z.B. einem Kühlschrank (Messungen des LUBW 2014), emittiert werden.

C) Im hörbaren Frequenzbereich lassen sich Schallimmissionen nachweisen. Im geschlossenen Innenraum lassen sich allerdings keine Unterschiede in den Schallimmissionen zwischen laufenden und stillstehenden WEA feststellen. Im Außenbereich lassen sich diese Unterschiede etwas deutlicher erkennen und die Immissionen fallen insgesamt höher aus als im Innenraum. Allerdings machen die Umgebungsgeräusche den Großteil der messbaren Immissionen im Außenbereich aus, insbesondere Geräusche durch Verkehr lassen sich sehr deutlich feststellen.

 

Das Bild zeigt die Bodenbewegung als Bodenschwinggeschwindigkeit von 6 Messstellen bei Degenfeld. In den ersten ca. 70 Sekunden sieht man die übliche Bodenbewegung inkl. den Emissionen des Windparks Lauterstein. Dann folgen die Wellen eines schwachen Erdbebens in Österreich. Alle Bewegungen sind um mindestens einen Faktor 10 kleiner als die Spürbarkeitsgrenze (ca. 0,1 mm/s), die Emissionen des Windparks sind sogar um ca. einen Faktor 100 kleiner (© KIT-GPI).

14.07.2021 – Online-Bürgerversammlung zu ersten Ergebnissen zum WP Tegelberg

Für die Anwohnenden des Windparks Tegelberg wurde eine Bürgerversammlung online abgehalten, in der das Projektteam erste Ergebnisse aus der Befragung und den Messungen vor Ort vorstellten.

Die Befragung zeigte vor Ort einen höheren Anteil durch WEA-Geräusche stark belästigter Menschen auf als bei vergleichbaren Windparks. Lästiger Schall trat vor allem in den Abend- und Nachtstunden auf.

Der Großteil der Beschwerden trat während zwei Betriebszuständen der WEA auf: Bei konstant hohen Rotordrehzahlen und bei starken Veränderungen der Drehzahlen. Diese zwei Zustände unterscheiden sich in weiteren Merkmalen: Die konstant hohe Drehzahl wurde vor allem bei Westwind als belästigend erlebt, bei Wind aus Südosten dagegen starke Veränderungen der Drehzahl. Während die Geräusche bei konstant hoher Drehzahl nachts, aber auch vormittags lästig fallen, treten Beschwerden bei variabler Drehzahl vor allem in den Abend- und Nachtstunden auf und betreffen vorwiegend den Schlaf der Anwohnenden.

Bei vier stark belästigen Haushalten in Kuchen wurden die Bodenbewegungs- (Seismik) und Schall-Immissionen gemessen. Hinweise auf Belastungen durch hörbaren WEA-Schall konnten gefunden werden, nicht aber durch nicht-hörbaren Schall (Infraschall). Im Detail:

A) Der Pegel der Bodenbewegungen, die sich von den WEA ausbreiten, liegen deutlich unterhalb der Spürbarkeitsschwelle. Die durch den Zugverkehr verursachten Bodenbewegungen sind im Ort bei den Anwohnenden stärker als die, die mit den WEA in Zusammenhang stehen.

B) Auch der außerhalb und in den Häusern gemessene niederfrequente Schall (einschließlich tieffrequenten Infraschall) liegt unterhalb der Wahrnehmungsschwelle (gemäß Entwurf DIN 45680-2013). Vergleichbar ist die Stärke des durch WEA verursachten nieder- und tieffrequenten Schalls im Innenraum mit den Schallpegeln, die durch Alltagsgeräte, wie z.B. einem Kühlschrank (Messungen des LUBW 2014), emittiert werden.

C) Im hörbaren Frequenzbereich lassen sich Schallimmissionen nachweisen. Im geschlossenen Innenraum lassen sich allerdings kaum Unterschiede in den Schallimmissionen zwischen laufenden und stillstehenden WEA feststellen. Im Außenbereich kommen diese Unterschiede etwas deutlicher zum Tragen und die Immissionen fallen insgesamt höher aus als im Innenraum. Aber die Umgebungsgeräusche machen einen Großteil der messbaren Immissionen im Außenbereich aus, insbesondere Zugsignale lassen sich sehr deutlich feststellen.

Es soll nun zusammen mit dem Windparkbetreiber geprüft werden, inwieweit Maßnahmen erprobt werden können, um eine Verringerung der Belästigung im Betrieb zu erreichen.

10.06.2021 – Start der Messungen im Umfeld des Testfelds WINSENT

Nach Abschluss der Befragung im Umkreis des Stöttener Bergs, haben nun die Messungen vor Ort begonnen. Am Testfeld WINSENT und in der Umgebung werden akustische, seismische und meteorologische Messungen durchgeführt.

03.03.2021 – Start der Messungen am WP Lauterstein

Nach Abschluss der Befragung zum Windpark Lauterstein, haben nun die Messungen vor Ort begonnen. An den Windenergieanlagen, in der Umgebung des Windparks und im Ort Degenfeld werden akustische, seismische und meteorologische Messungen durchgeführt.

02.02.2021 – Start der Befragung zum Testfeld WINSENT

Im näheren Umkreis um den Stöttener Berg wurden 1000 zufällig ausgewählte Anwohnende angeschrieben und zur Teilnahme an der Befragung eingeladen. Die Befragung soll die Perspektive auf das Windenergietestfeld WINSENT und die damit verbundenen Erwartungen beleuchten sowie die Erfahrungen mit den bereits bestehenden Windparks im näheren Umfeld. Wir freuen uns auf eine rege Beteiligung. Auch alle Interessierten, die kein Anschreiben erhalten haben, sind herzlich dazu eingeladen, uns zu kontaktieren und an der Befragung teilzunehmen.

21.10.2020 - Beginn der Schallmessungen in Kuchen

Die Messungen zum Windpark Tegelberg sind im Gange. Nachdem zwei Lidarmessgeräte, die Wetterdaten erheben, schon mit etwas Vorlauf in Kuchen aufgebaut worden sind, starten nun auch die Schallmessungen. Dafür haben wir sowohl bei den Windenergieanlagen auf dem Tegelberg Messgeräte installiert wie auch bei einem ersten Haushalt in Kuchen, wo die Geräuschbelastung als sehr störend erlebt wird. Im Laufe der nächsten Wochen sollen die Messgeräte in Kuchen zu weiteren Haushalten umziehen, wo eine hohe Geräuschbelastung berichtet wurde.

10.09.2020 - Befragung zum WP Tegelberg abgeschlossen

Die Befragung zum Windpark Tegelberg ist abgeschlossen. Rund 130 Anwohnende aus Kuchen und Geislingen haben ein Interview zu ihrem Erleben des Windparks gegeben und fast 170 weitere gaben in einem Kurzinterview Auskunft. Für die Interviewteilnehmer*innen, die störende Geräusche wahrnehmen, besteht die Möglichkeit, mit einer Beschwerde-App störende Geräusche zu melden, wenn sie auftreten.

Laufzeit der Studie: 2020-2022

Projektleitung: Prof. Dr. Gundula Hübner

Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Johannes Pohl, Florian Müller

Kooperationspartner: 

Geophysikalisches Institut – Karlsruher Institut für Technologie (KIT-GPI) 

Stuttgarter Lehrstuhl für Windenergie am Institut für Flugzeugbau (SWE)

Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW)

Drittmittelgeber: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, begleitet durch den Projektträger Jülich

Prof. Dr. habil. Gundula Hübner, Professur für Sozialpsychologie
Dr. phil. Johannes Pohl, Dipl.-Psych., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schwerpunkt Forschung
Florian Müller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schwerpunkt Forschung