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„Ich möchte präventiv etwas ändern, nicht nur der Reparaturbetrieb sein“

Interview mit Arbeitspsychologe Prof. Dr. habil. Jan Dettmers

Prof. Dr. habil. Jan Dettmers forscht u.a. zu den Themen Flexible Arbeit, Ständige Erreichbarkeit, Zeitdruck und Stress.

Weil der rasante Wandel der Arbeitswelt unsere Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr vor neue Herausforderungen stellt, bietet die MSH Medical School Hamburg zum Wintersemester 2016/17 den neuen Masterstudiengang Arbeits- und Organisationspsychologie (M.Sc.) an. Warum es für Unternehmen immer schwieriger wird den passenden Bewerber auszuwählen, warum die Mitarbeitermotivation wichtiger denn je wird und welches Schlüsselerlebnis zu seinem jetzigen Job geführt hat, erzählt Studiengangsleiter Prof. Dr. habil. Jan Dettmers im Gespräch.

Auf welche Herausforderungen in der Arbeitswelt reagiert der neue Masterstudiengang Arbeits- und Organisationspsychologie?

Die Märkte werden immer dynamischer und auch die Bedürfnisse von Kunden verändern sich ständig. Darauf reagieren die Unternehmen mit zunehmender Flexibilisierung. Dies betrifft die ständige Veränderung von Organisationseinheiten, die Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen, Arbeitszeiten und Arbeitsorten sowie der fachlichen Anforderungen an die Beschäftigten. Um diesem Phänomen erfolgreich zu begegnen, bedarf es wissenschaftlich fundierter Konzepte in der Personalarbeit und Organisationsgestaltung unter Berücksichtigung psychologischer Faktoren. Im Zuge des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und sich verändernder Werte potenzieller Fachkräfte (»Generation Y«) sind Unternehmen darauf angewiesen, für Beschäftigte Bedingungen zu schaffen, unter denen sie dauerhaft leistungsfähig, motiviert und zufrieden arbeiten können.  Hierzu sind Arbeits- und Organisationspsychologen gefragt wie nie zuvor.

Inwiefern rücken im Zuge dieser Entwicklung psychische Faktoren in den Vordergrund?

Psychische Einflussfaktoren gewinnen angesichts steigender Komplexität, höherem Zeitdruck und verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend an Bedeutung und können sich als psychische Belastungen auswirken. Arbeits- und Organisationspsychologen werden mit ihrem Wissen um gesundheitliche und psychische Gefahren als Experten in der Arbeitswelt zunehmend wichtiger, zumal die gesetzliche Verpflichtung von Arbeitgebern zur Gefährdungsbeurteilung mittlerweile auch psychische Gefährdungen mit einschließt.

Wo haben Unternehmen und Organisationen noch Nachholbedarf?

Viele der arbeits- und organisationspsychologischen Befunde scheinen auf den ersten Blick erstmal eine Selbstverständlichkeit zu sein. Ob es um das wertschätzende Verhalten von Führungskräften oder die Vermeidung von einfachen Stressursachen bei der Arbeit geht. In der Praxis kann man jedoch immer wieder erleben, dass sich Führungskräfte ganz anders verhalten, weil sie selbst besonderen Zwängen unterliegen. Oder in der allgemeinen Hektik werden suboptimale Bauchentscheidungen zu Personalfragen getroffen und selbst einfache Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten bleiben auf der Strecke.

Kommt hier die Wissenschaft ins Spiel?

Ja, die  wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den negativen Folgen solcher Fehlentwicklungen - ob nun wirtschaftlich, motivational oder gesundheitlich – können helfen, die Bedeutung von fundierten und überlegten Entscheidungen im Unternehmensalltag bei Personal- und Organisationsfragen zu unterstreichen.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich dem Themengebiet Arbeits- und Organisationspsychologie zuzuwenden?

Schlüsselerlebnisse bei mir waren einerseits Lehrveranstaltungen zur Wirkung von Arbeit auf die Persönlichkeit, die Gesundheit und sogar das gesellschaftliche Engagement. Dies erzeugte bei mir die Erkenntnis, wie hoch tatsächlich der Einfluss von Arbeit auf die Menschen sein kann. Andererseits gab es persönliche Erfahrungen, bei denen Bekannte ganz offensichtlich von der Arbeit so ausgezerrt wurden, dass sie quasi »vom Stuhl fielen«. Das Ergebnis war dann stationäre Behandlung und Psychotherapie, die dann letztlich nur dazu führte, sie irgendwie »wieder herzustellen«, um dann wieder dieser offensichtlich beeinträchtigenden Arbeit nachzugehen. Das führte bei mir zu der Erkenntnis, dass es besser ist, präventiv an den Bedingungen etwas zu ändern, anstatt als klinischer Psychologe nur den »Reparaturbetrieb« zu machen.

Wofür sind die künftigen Absolventen Experten?

Die Absolventen werden darauf vorbereitet, kompetent auf aktuelle und zukünftige Fragen der Personalarbeit, der Organisation und des Arbeitsschutzes zu antworten. Dazu gehören etwa Fragen zur Personalauswahl und der Sicherstellung der Qualifikation der bestehenden Beschäftigten bei gleichzeitig sich verändernden Anforderungen. Die Absolventen können gesundheitliche Wirkungen von gegebenen Arbeitsbedingungen beurteilen und gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen planen und durchführen sowie an spezifische betriebliche Bedingungen anpassen. Sie können auch geeignete Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung entwerfen und die Wirksamkeit von gegebenen Maßnahmen überprüfen. Schließlich können die Absolventen Veränderungsprozesse in Unternehmen vorbereiten, planen und die Durchführung begleiten, indem sie einen strukturieren Prozess entwickeln. Die dafür erforderlichen arbeits- und organisationspsychologischen Kenntnisse werden in diesem Masterstudiengang durch ebenfalls erforderliche betriebswirtschaftliche Grundlagen ergänzt.

Was macht den Studiengang einzigartig?

Das Besondere an dem Masterstudiengang ist die explizite Ausrichtung auf aktuell relevante Anwendungsfelder in der Arbeitswelt, in der eine hohe Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften besteht. Dies betrifft etwa Themen wie Arbeit und Gesundheit, psychologisch fundierte Personalarbeit sowie die Gestaltung von Veränderungsprozessen. Auch die interdisziplinäre Ausrichtung ist hervorzuheben. Wie auch in der späteren Tätigkeit im Personalbereich oder Gesundheitsschutz werden sich die Studierenden aus Psychologen und Betriebswirten entsprechend ihrer Vorkenntnisse zusammensetzen, sich ins Studium einbringen und fehlende Kenntnisse differenziert erwerben können.

Wen wollen Sie mit dem neuen Masterprogramm ansprechen?

Der neue Masterstudiengang richtet sich an Bachelorabsolventen der Studiengänge Psychologie sowie Betriebs- und Volkswirtschaft, die Interesse an der Arbeit im Personalwesen sowie im betrieblichen Gesundheitsmanagement haben. Während die Psychologieabsolventen im ersten Teil des Studiums betriebswirtschaftliche Grundlagen erwerben, werden die Wirtschaftswissenschaftler mit den Grundlagenfächern der Psychologie vertraut gemacht, sodass im weiteren Verlauf des Studiums gleiche Voraussetzungen vorhanden sind, um die arbeits- und organisationspsychologischen Fragestellungen weiter zu vertiefen.

Welche Berufsperspektiven eröffnen sich für Absolventen und wie groß ist die Chance, nach dem Studium einen Job zu ergattern?

Die künftigen Absolventen arbeiten innerhalb von Unternehmen oder extern für Unternehmensberatungen in den Bereichen Personalauswahl und Personalentwicklung. Sie planen und führen Maßnahmen zur betrieblichen Weiterbildung durch, leiten Seminare für Führungskräfte und zur Verbesserung der sozialen Kompetenzen von Führungskräften, sie beraten Unternehmen bei Veränderungsprozessen, begleiten diese und sind Ansprechpartner für strategische Personalentscheidungen.

Ein immer weiter wachsendes Arbeitsfeld für Arbeits- und Organisationspsychologen findet sich im betrieblichen Gesundheitsmanagement, den gesetzlichen Unfallkassen und Berufsgenossenschaften sowie den Aufsichtsbehörden wieder. In diesen Bereichen wird der Fokus immer stärker auf psychische Belastungen in der Arbeitswelt gelegt. Aus diesem Grund wird laut Experten mit einer erhöhten Nachfrage nach Arbeits- und Organisationspsychologen zu rechnen sein.

Auf welche Highlights können sich die Studierenden freuen?

Der Masterstudiengang zeichnet sich dadurch aus, dass neben einer exzellenten fachlichen Ausbildung in den wesentlichen Themengebieten Personal- und Organisationsentwicklung sowie Arbeit und Gesundheit, die Studierenden auch die Möglichkeit haben, methodische Kompetenzen aufzubauen, wie etwa im Bereich der Kommunikationspsychologie. Themengebiete, wie zum Beispiel die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, können Einblicke geben und gegebenenfalls auch durch die Mitarbeit in Praxisprojekten vertieft werden. Das obligatorisch vorgesehene Praktikum unterstützt den Prozess der Umwandlung des theoretischen Wissens in praktisches Handlungswissen.

Bachelor-Psychologiestudenten haben die Qual der Wahl: Klinische Psychologie & Psychotherapie, Rechtspsychologie, Sportpsychologie. Warum sollten sie sich ausgerechnet für Arbeits- und Organisationspsychologie entscheiden?

Neben den oben genannten Punkten ist ein für mich ebenfalls reizvoller Punkt an der Tätigkeit von Arbeits- und Organisationspsychologen, dass sie sich tatsächlich sehr viel mit dem Leben und dem Alltag der »normalen« Leute beschäftigen. Wie funktionieren soziale Systeme wie Organisationen, was brauchen Menschen, um ihr Alltagsleben zu gestalten? Sie beschäftigen sich professionell mit Dingen, die quasi alle Menschen etwas angehen, sofern sie arbeiten. Und selbst für Menschen ohne Erwerbsarbeit hat die Arbeits- und Organisationspsychologie wichtige Erkenntnisse parat. 

Worin liegt für Sie der Reiz im Vergleich zur Klinischen Psychologie?

Etwas platt ausgedrückt, ist die Arbeits- und Organisationspsychologie natürlich auch etwas für Studierende, die sehr an der Psychologie interessiert sind, diese produktiv einsetzen möchten, aber kein Interesse oder einfach nicht den Wunsch haben, sich dauerhaft und berufsmäßig mit Krankheit und Leiden auseinanderzusetzen. Darüber hinaus bietet die Arbeits- und Organisationspsychologie natürlich attraktive Berufsperspektiven und einen direkteren Einstieg ins Arbeitsleben, als das etwas bei der Klinischen Psychologie der Fall ist, wo der Weg bis zur Approbation doch sehr lang ist.

Vielen Dank.

Das Gespräch führte Valerie Landau

Ihre Ansprechpartnerin

Valerie Landau