Aktuelle Forschungsprojekte

Gesichtserkennungsprozesse im Kontext von Line-ups

Prof. Dr. Silvia Gubi-Kelm | Prof. Dr. Tilo Strobach | Ronja Müller, M.Sc.

Die erfolgreiche Identifikation von Gesichtern ist nicht nur in alltäglichen sozialen Interaktionen wichtig und notwendig. In der polizeilichen Gegenüberstellung kann die Identifikation von Gesichtern der entscheidende Faktor für die Aufklärung eines Verbrechens darstellen. Gegenüberstellungen, wie man sie aus Filmen kennt, werden jedoch mittlerweile nur noch selten durchgeführt. Etabliert hat sich hingegen die Methode der sogenannten Wahllichtbildvorlage (photo-lineup): anstelle von realen Personen, werden dem Zeugen hier Bilder verschiedener Personen (darunter das Bild des Beschuldigten) vorgelegt, wobei sich alle Personen in ihrem äußeren Erscheinungsbild ähneln müssen. Der Zeuge hat sodann die Aufgabe, den Täter unter den Bildern zu identifizieren. Da der Prozess der Gesichtsidentifikation noch immer nicht in Gänze verstanden ist, ist ebenfalls unklar, wie sich Faktoren, wie bspw. die Auswahl und Reihenfolge der Vergleichsbilder, auf die Identifikationsleistung der Zeug*innen auswirken. Das Projekt „Gesichtserkennungsprozesse im Kontext von Line-ups“ widmet sich dieser Frage. Es untersucht die Bewertung und Wahrnehmung von Gesichtern im Kontext der Wahlbildvorlage durch verschiedene laborbasierte Studien.

Einflüsse auf die Criteria Based Content Analysis (CBCA)

Dr. Verena Oberlader (Universität Bonn) | Dr. Alexander F. Schmidt (Universität Mainz)
Prof. Dr. Silvia Gubi-Kelm


In einer Aussage-gegen-Aussage Konstellation ist es Aufgabe der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts, zu beurteilen, ob die Aussagen vermeintlicher Opferzeug*innen erlebnisbasiert sind. Fehlt der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht die notwendige Sachkunde, um eine derartige Beurteilung vorzunehmen, werden aussagepsychologische Sachverständigengutachten in Auftrag gegeben. In diesen wird zur Unterscheidung von wahren und erfundenen Aussagen die merkmalsorientierte Inhaltsanalyse (Criteria Based Content Analyssis, CBCA) herangezogen. Zur Zuverlässigkeit der merkmalsorientierten Inhaltsanalyse liegen zahlreiche Untersuchungen vor und ihre Effektivität gilt prinzipiell als belegt. Gleichwohl handelt es sich bei der merkmalsorientierten Inhaltsanalyse um eine unstandardisierte Methode, die auf subjektiven Einschätzungen von Einzelfällen beruht. Vor diesem Hintergrund besteht die Vermutung, dass das Vorhandensein fallspezifischer Vorinformationen einen Einfluss auf die Anwendung der merkmalsorientierten Inhaltsanalyse haben könnte. Auf dieser Fragestellung liegt der Fokus des Forschungsprojektes.

Klassische und alternative Modelle und Messmethoden für Psychopathie

Prof. Dr. Dahlnym Yoon | Jonas Krüppel M.Sc. (FernUniversität in Hagen)
Prof. Dr. Andreas Mokros (FernUniversität in Hagen)


Im Bereich der Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen zeichnet sich in jüngster Vergangenheit eine Entwicklung von kategorialen hin zu dimensionalen Ansätzen ab. Ein dimensionaler Ansatz ermöglicht eine Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen als kontinuierliche Variablen sowie eine empirisch begründete Beschreibung der Persönlichkeitsstruktur. Mittlerweile existieren im Bereich der Forschung zu psychopathischen Persönlichkeitseigenschaften verschiedene Konzeptualisierungen, von denen einige Psychopathie als extrem-deviante Ausprägungen funktionaler Eigenschaften, wie z.B. Gemeinheit/ Antagonismus, Enthemmtheit und Kühnheit/Furchtlose Dominanz definiert. Die Frage nach der latenten Struktur des Psychopathie-Konstrukts ist nicht abschließend geklärt, zudem kommen auch methodische Unterschiede in der Erfassung von Psychopathie ebenfalls als Herausforderungen in der Beantwortung dieser Fragen hinzu.

Im Rahmen des Projekts soll daher der Frage nach der latenten Struktur sowie der Relevanz von bestimmten Eigenschaften im nomologischen Netz von Psychopathie in der Allgemeinbevölkerung sowie Straftäterpopulation nachgegangen werden. Zudem wird das Ziel verfolgt, eine möglichst reliable und zeitökonomische Messung von Psychopathie zu ermöglichen.

Innovative Methoden in der Evaluation von Straftäterbehandlungen

Prof. Dr. Dahlnym Yoon | Stefanie Rücknagel M.Sc. (Kriminologischer Dienst Berlin)


Effektivität sowie Prüfmethoden der Straftäterbehandlung sind nach wie vor umstritten. Metaanalytische Befunde weisen eher auf kleine Effektstärke hin, wobei die individuellen Studien sehr heterogen sind. Gruppenstatistische Vergleiche von Behandelten und Unbehandelten, Rückfälligen und Nicht-Rückfälligen, oder vor und nach der Behandlung liefern lediglich pauschale Aussagen, ohne dass genauere therapeutische Effekte geprüft werden können. Im Rahmen verschiedener Projekte versuchen die Forschenden des ILFP mit ihren Kooperationspartner*innen gemeinsam diesen Fragen nachzugehen. Dabei werden folgende Zielsetzungen verfolgt:

  • Anwendung innovativer Methoden zur Prüfung der Behandlungseffekte, beispielsweise individualisierte Analysen der Veränderung in Anlehnung an das Konzept der Clinically Significant Changes.
  • Standardisierte Erfassung der behandlungsrelevanten Faktoren: Anwendung der integrativen Prognosemethode sowie Exploration von alternativen Prüfmethoden der Validität klinischer Prognose nach dem Structured Professional Judgment-Verfahren.
  • Erweiterungen der Effektivitätskriterien über die Rückfälligkeit hinaus, beispielsweise in Anlehnung an das Konzept der Offense Analogue vs. Offense Replacemence Behavior.

„Kriminalprognostische Risikoeinschätzungen im Familienrecht“

Prof. Dr. Judith A. Iffland | Dr. Alexander F. Schmidt (Universität Mainz) | Dr. Diana Gossmann
Natalie Oesterlein


In Umgangs- und Sorgerechtsverfahren vor dem Familiengericht werden in jüngster Zeit häufiger Risikoeinschätzungen zur Wahrscheinlichkeit sexueller Grenzverletzungen in Auftrag gegeben. Männliche Betreuungspersonen wie Väter oder Stiefväter sollen hinsichtlich einer etwaigen pädophilen Störung begutachtet sowie die Frage einer etwaigen Kindeswohlgefährdung durch sexuellen Missbrauch beantwortet werden. In vielen Fällen ist der Betreffende mit dem Konsum von Missbrauchsabbildungen (sog. „Kinderpornographie“) aber nicht mit einem Hands-on Sexualdelikt strafrechtlich in Erscheinung getreten. Dies macht eine kriminalprognostische Risikoeinschätzung sehr schwierig. Im Rahmen des Projekts soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie eine evidenzbasierte Risikoeinschätzung in derartigen Konstellationen erfolgen, die Gefährdung von Kindern durch männliche Betreuungspersonen mit paraphiler Veranlagung präventiv erkannt sowie ein voreiliges Kontaktverbot aufgrund stigmatisierender Einstellungen verhindert werden kann.